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Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. (Offenbarung 21,6)

Liebe Gemeinde,
erinnern Sie sich noch an die Hitze während des Hessentags, der im Juni 2014 in Bensheim veranstaltet wurde?

Ein Truck, den eine christliche Gemeinde vor die Geschwister-Scholl-Schule gestellt hatte, diente während dieser heißen Tage als kostenlose Ausgabestation für Eistee – eine willkommene Auftankstation für alle Durstigen. Heftchen zur religiösen Inspiration lagen auch aus und man konnte ein nettes Gespräch mit den Mitarbeitern führen. Als erstes jedoch konnte man seinen Durst löschen. Und das war bei dieser Hitze eine wahre Wohltat.

So hält es auch unsere Jahreslosung für das neue Jahr 2018. Als erstes wird der Durst gelöscht! Wer richtig durstig ist, kann nämlich schlecht zuhören oder lange Gespräche führen – erst muss das elementare Bedürfnis wortwörtlich gestillt werden. Wie heißt es bei Bertolt Brecht in der Dreigroschenoper: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral!“ Und das war von Brecht durchaus nicht verächtlich gemeint, denn wenn Menschen sehr hungern und dürsten, geht es als erstes ums Überleben. Um die Suche nach Wasser, das Durst stillt und Leben garantiert. Im übertragenen Sinne könnte man sagen: Durst nach sinnerfülltem, nach wahrem Leben.

Und darum hören wir in der Jahreslosung, wie Gott uns sagt: „Ich will geben“ – und „ich will umsonst geben“! Umsonst – das heißt, alle sind eingeladen, alle Habenichtse, alle Gescheiterten, alle Sehnsüchtigen, alle vom Leben Gezeichneten. Alle sind eingeladen, den Durst zu löschen. Auch ich! Meinen Durst nach Anerkennung, Liebe, Verständnis und Sicherheit. Meinen Durst auch nach Vertrauen – damit ich wieder vertrauensvoll in die Zukunft blicken kann.

Denn dieses neue Jahr 2018 – gehen wir es nicht reichlich verzagt an? Wo man auch hinblickt, wo man auch hinhört, begegnet einem Skepsis: „Wird das noch was mit dem Frieden in der Welt, von dem wir an Weihnachten gerade wieder gesungen haben? Warum tun sich immer neue Krisenherde in der Welt auf? Kommen wir gegen die Speicherung all unserer persönlichen Daten noch an? Ist mein Arbeitsplatz noch sicher? Jeder sucht nur seinen Vorteil – wem kann ich noch vertrauen?“ Gerade aber für dieses zaudernd und misstrauisch beäugte neue Jahr 2018 hören wir nun von Gott: „Geben will ich dir, wonach du dürstest – aus der Quelle des Lebens – umsonst!“ Ohne Vorleistung also. Wahres, unverfälschtes Leben, Kraft aus der sprudelnden Quelle – gratis.

Der Glaube an Gott lässt uns wissen: Es existiert eine Kraft, der ich unbedingt vertrauen kann. Die sucht nicht ihren Vorteil, die ist nicht darauf aus, sich an mir zu bereichern – sondern sie möchte ausschließlich sinnerfülltes Leben für mich und alle anderen.

Und es gibt so viele dürstende Menschen. Ich erinnere mich dabei an ein Wort Jesu aus dem Matthäusevangelium: „Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.“ Gerechtigkeit – das ist ein altes und gleichzeitig so aktuelles Wort. Unser Land ist reich und doch steigt die Zahl der Menschen ohne Obdach. Als wir mit den Konfirmanden im Dezember in Frankfurt im Bibelmuseum waren, fiel uns auf dem Weg dorthin auf, wie viele Menschen die kalte Nacht unter einer Decke in Hauseingängen verbracht hatten. Wer hinschaute, konnte Menschen sehen, die in Mülleimern wühlten. In Bensheim mag sich die Zahl der Obdachlosen Grenzen halten, in Großstädten dagegen finden sie oft auch im Winter kein Bett mehr in den überfüllten Unterkünften.

Durst nach sinnerfülltem Leben, nach Sicherheit und Anerkennung – hier wird er besonders greifbar. Wenn Gott verspricht, Menschen Leben in Fülle zu geben, ihren Durst nach sinnvollem Leben zu stillen, dann ist das auch eine Herausforderung an uns als Gesellschaft.

2018 liegt also vor uns – mit all seinen Herausforderungen, aber auch seinen Möglichkeiten. Wenn ich die Augen offenhalte, werde ich Möglichkeiten sehen, wo ich anderen helfen kann, ein sinnerfülltes Leben zu leben. Wo ich mich womöglich einsetzen kann für bezahlbaren Wohnraum, für Unterkünfte für die Schwachen. Wo ich Anerkennung und Verständnis denen entgegenbringen kann, denen sie oft verwehrt bleibt. Durst löschen also – gerne auch buchstäblich, denn wenn es im Sommer 2018 wieder heiß wird in Bensheim, ist der eine oder andere Mitmensch sicher auch dankbar für ein kühles Fläschchen Eistee aus dem Supermarkt.

Ich wünsche Ihnen allen ein gesegnetes Neues Jahr und freue mich auf viele Begegnungen mit Ihnen in der Stephanusgemeinde!

Ihre Pfarrerin
Almut Gallmeier