joomplu:1143

Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. (Heb 11,1)

Liebe Gemeinde,
wie viel Gutes schwingt auf so wenig Platz im Monatsspruch Mai mit: Zuversicht und Hoffnung und Nichtzweifeln. So vieles nennt der Vers auf die Frage: Was ist der Glaube? Da nun der Glaube wesentlich für Gläubige und Kirche ist, lohnt es sich hinzuschauen, was denn Glaube ist.

Glaube ist … zuerst einmal: „nicht Wissen“. Von Religionskritikern wird gern gegen den Glauben polemisiert, dass Glaube nur eine Vorstufe zum Wissen sei: sozusagen unter-vernünftig. Das ist richtig und falsch gleichermaßen, und wir von der Kirche befördern die Unklarheit, wenn wir hier selbst ungenau sind, etwa wenn wir – wie es in der Bibel heißt (Hiob 19,25) – sagen: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Wissen ist überprüfbar, der Glaube nicht. Es gibt Gründe, gute Gründe für den Glauben, aber letztlich keine Beweise. Richtig muss es im Bereich des Glaubens heißen: „Ich bin gewiss, dass mein Erlöser lebt.“

Glaube ist … Weitblick haben: Es waren einmal christliche Missionare in Afrika. Die Menschen dort meinten, dass es für das Wort „Glaube“ in ihrer Sprache keine Übersetzung gebe, aber es käme wohl dem nahe, was sie nennen: „über den Horizont schauen“. Der Horizont ist das, was wir mit unserer Vernunft erkennen. Was hinter dem Horizont ist, wissen wir nicht.
Wissen ist also nicht „unter-vernünftig“, sondern „über-vernünftig“. Und wir wissen in ganz existentiellen Bereichen vieles nicht. Zum Beispiel bei einer Trauung. Vor der Trauung haben beide gute Erfahrungen miteinander gemacht und binden sich deshalb aneinander – obwohl sie von der Zukunft nicht das Geringste wissen. Sie werden sich entwickeln, einzelne Züge werden wichtiger, andere unbedeutender. Kinder, berufliche wie private Herausforderungen und Begegnungen, das Glücken und Scheitern wichtiger Pläne, Schicksalsschläge werden die Beziehung beeinflussen. Bei dieser Beziehung ist nicht das Wissen das Entscheidende, sondern die Gewissheit: Es wird gut gehen. Wir stehen zueinander auch in schwierigen Tagen. Deshalb schaffen wir es.
Wissen ist immer gut und wichtig. Aber das Wichtigste ist Gewissheit,Zuversicht, Hoffnung, Vertrauen und Glaube. Glaube heißt, über den Horizont zu blicken und Gewissheit da zu haben, wo der Verstand nichts mehr versteht und die Vernunft blind ist.

Glaube ist …
der Vogel, der singt,
wenn die Nacht
noch dunkel ist.

Rabindranath Tagore

Glaube ist … Bedingung für das Durchhalten der Durststrecke. Entdecker wie Kolumbus oder Erfinder wie die des Motors waren gewiss, haben daran geglaubt, und damit auch daran gearbeitet, gingen durch Zweifel, durch Karfreitagszeiten hindurch, an denen kein Licht zu sehen war. Aber waren gewiss und glaubten.

Menschen, die hoffen,
hören die Musik der Zukunft.
Menschen, die glauben,
tanzen schon
in der Gegenwart danach.

Glaube ist … natürlich. Er ist etwas, das in jedem Menschen „drin“ ist: Glaube ist „intrinsisch“ – außer, er wird verdunkelt.

Glaube ist … eine existentielle Lebenskraft. Glaube ist Optimismus, Lebensbejahung, Lebensmut, Zukunftsglaube, Hoffnung, Zutrauen, Möglichkeit, Daseinsfreude, Fröhlichkeit, Glaube an das Gute, eine positive Lebenseinstellung, Vertrauen, ein Hoffnungsschimmer, Wer solch eine positive Lebenskraft erfährt, freut sich am Leben. Und ist dankbar. Gläubige Menschen erkennt man an Dankbarkeit.

Glaube ist … nicht ein Aufzählen und ein Für-wahr-halten bestimmter Lehrsätze, sondern ein Leben aus dem Leben Gottes, und ein Sich-zusammenschließen mit dem einzig Lebenswerten.

Glaube ist … das Vertrauen in den, der für uns Leben, Ehre, Ewigkeit, Himmel und Heimat gewagt und geopfert hat.

Glaube ist … Nachfolge Christi, die nicht darüber nachsinnt, sondern nachfolgt, weil die Nachfolge richtig und gut ist. Auch wenn uns der schwere Kelch gereicht wird, den wir dankbar und ohne Zittern nehmen – wenn er denn von Gott kommt. Mit einem Lächeln im Herzen, im Vertrauen darauf.

Glaube ist Verwandlung. Glaube ist nur dann Glaube, wenn er im Menschen wirkt: froh macht, beruhigt, anspornt, ermutigt, erinnert, ermahnt, tröstet, befreit.

Ihr Pfarrer
Manfred Hauch