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Herr, all mein Sehnen liegt offen vor dir, mein Seufzenwar dir nicht verborgen. 
(Ps 38,10)

Liebe Gemeinde,

einem Stoßgebet gleicht der Monatsspruch vom Oktober dieses Jahres aus dem Buch der Psalmen. In diesem biblischen Buch finden sich 150 poetische Texte aus mehreren Jahrhunderten, in denen die unterschiedlichsten Lebenslagen Ausdruck finden und vor Gott gebracht werden. Martin Luther schrieb über die Sprachkraft der Psalmen: „Daher kommt’s auch, dass der Psalter aller Heiligen Büchlein ist, und ein jeder, in welcher Lage er auch ist, Psalmen und Worte darin findet, die sich auf seine Lage reimen und so auf ihn passen, als wären sie nur um seinetwillen so geschrieben; er könnte sie auch selbst nicht besser verfassen oder erfinden, noch sich bessere wünschen.“

Der Verfasser des 38. Psalms, aus dem der Monatsspruch stammt, spricht vor allem von den dunklen Seiten des Lebens, von Krankheit und Leid, körperlichen und seelischen Schmerzen. Dabei verbindet er das, was er zu ertragen hat, mit seiner eigenen Schuld. Gott, so nimmt er an, bestraft ihn für das, was er getan hat.

Sünde als Grund für Schmerzen und Leid? Dieser Zusammenhang wird in der Welt des Alten Testaments ganz vorbehaltlos hergestellt; da ist klar, das eigene Tun und Handeln hat Auswirkungen auf unser Wohlergehen. Gott straft falsches, sündhaftes Verhalten.

Uns ist diese Vorstellung fremd. Auch ich kann mir keinen Gott vorstellen, der uns mit Schmerz und Leid bestraft. Aber ich glaube an einen Gott, der um unser geistliches Wohlergehen bemüht ist, der uns nahe kommen will. Aus diesem Blickwinkel erschließt sich mir der Vers.

Im Gottesdienst haben wir erst vor kurzem das Lied „Da wohnt ein Sehnen tief in uns“ gesungen. Das Lied handelt von der Sehnsucht nach Gott, der Sehnsucht, ganz zu sein und einem Leben mit ihm als Mitte. Gerade jetzt im Herbst, wenn die Tage wieder kürzer und dunkler werden, die Bäume ihre Blätter verlieren und die Natur sich auf den Winterschlaf einstellt, dann spüre ich diese Sehnsucht ganz besonders. Der Ewigkeitssonntag als Ende des Kirchenjahrs führt uns die Endlichkeit unseres menschlichen Lebens vor Augen. Wir sehen die Zerbrochenheit unserer Welt und unseres Daseins. Wir suchen nach Halt, nach dem Hellen in unserem Leben, nach Orientierung und Sinn. Und Gott erhört unsere Sehnsucht. Er kommt uns nahe, erträgt unser Seufzen und unsere Klage und er trägt uns. Er ist das Licht, das uns durch die dunklen Tage des Lebens, durch die dunklen Tage des Jahres führt. Der Funken Hoffnung, der uns nicht verzweifeln lässt, der uns zeigt, dass es ein Morgen gibt. Immer wieder aufs Neue.

Das Schwere in unserem Leben, unser Leid und unseren Schmerz, den kann Gott nicht fortnehmen, aber er lässt uns damit nicht alleine. Er ist da, wenn wir nicht mehr wissen, wohin mit unseren Sorgen. Der Beter des Psalms, auch er vertraut sich Gott an. Er bringt alles, was ihn belastet, alles, was bis jetzt vielleicht unausgesprochen geblieben ist, im Gebet vor ihn. Er schüttet Gott im wahrsten Sinne des Wortes sein Herz aus.

Unser Sehnen und Seufzen liegt offen vor ihm, unser Gott kennt unsere Sehnsüchte und Träume, unseren Schmerz und unser Leid. Er nimmt uns an, wie wir sind und schaut uns mit liebevollen Augen an. Durch ihn findet unser Sehnen nach Beistand und Ganzheit, nach Nähe und Angenommensein eine Antwort. Durch seine Nähe kann das, was wir als zerbrochen empfinden, wieder ganz werden. 

Ich wünsche uns für die nun kommende dunkle Jahreszeit, dass wir spüren, wo uns Gott nahe kommt, dass wir uns von ihm angesehen wissen und dass seine Liebe unsere Sehnsucht stillen kann.

Ihre Pfarrerin
Astrid Maria Horn