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Jesus Christus spricht: „Es ist vollbracht“. (Joh 19,30)

Liebe Gemeinde,
dieses letzte Wort Jesu am Kreuz „es ist vollbracht“ gehört zu Karfreitag. Es war jedoch mehr als nur ein Stoßseufzer Jesu am Kreuz, kurz bevor er starb und seine Leiden ein Ende hatten.

Der griechische Urtext dieses Bibelworts legt nahe, dass Jesus meinte, dass mit seinem Tod etwas „zum Ziel gebracht“, etwas „vollendet“ würde. Doch was wurde zum Ziel gebracht? Wenn ein Mensch stirbt, ist das doch vor allem das Ende des Lebens, so jedenfalls nehmen wir es wahr. Etwas ist zu Ende – Schluss, aus, das Leben ist vorbei. Das empfinden wir so, weil uns dieser Mensch aus den Augen geraten ist; wir können nun nichts mehr von ihm wahrnehmen. Unser Leben mit ihm ist zu Ende.

So haben es damals, als Jesus starb, auch seine Jünger empfunden, sie hatten Angst, waren verzweifelt und traurig. Was sollte nun werden, da Jesus gestorben war und alle Hoffnung auf eine bessere Welt mit ihm? Wo war Gott, wenn ein Mensch wie Jesus, der so viel Gutes den Menschen gebracht hatte, unschuldig getötet wurde? Ähnliche Fragen haben Menschen seit jeher bewegt. Wie kann Gott denn zulassen, dass Unschuldige einen gewaltsamen Tod sterben müssen?

Um eine Antwort auf diese alte Menschheitsfrage wird schon seit jeher gerungen. Doch keine der möglichen Antworten kann uns letztlich zufrieden stellen. Es bleibt ein Rätsel, warum Gott – liebend und mächtig – nicht jedes Mal eingreift, wenn schlimmes Unrecht geschieht. Es ist aber wichtig, dass wir dennoch immer wieder versuchen, diesem Rätsel auf die Spur und wenigstens in die Nähe einer Antwort zu kommen. Warum musste Jesus am Kreuz sterben?

„Es ist vollbracht“, sagte er. Das heißt, Gott ist am Ziel. Denn wenn wir auf Jesus sehen, dann sehen wir auf Gott. Und Gott ist mit Jesus und mit uns in die tiefsten Todesschatten gestiegen. Und das heißt, Gott bleibt an unserer Seite, auch wenn das größte Leid oder die größte Schuld uns niederdrücken. Dafür steht dieser Tod Jesu am Kreuz.

Schon beim Propheten Jeremia im Ersten Testament steht geschrieben (Jer 31,34), dass Gott sagt: »Ich will ihnen ihre Missetaten vergeben und ihrer Sünde nicht mehr gedenken.« Dieses Versprechen Gottes ist in Jesu Tod und Auferstehung zur Vollendung, zum Ziel gekommen. Das Leben mit allem, was dazu gehört, mit seinen schönen Seiten und seinen Freuden, aber auch mit seinen dunklen Seiten, mit Trauer, Angst und Leid, muss eines Tages an sein Ende kommen, ist aus und vorbei. Doch Jesus sah im Augenblick seines Todes schon über dieses Leben hinaus. Er wusste, dass nicht „alles“ zu Ende war, sondern dass etwas Neues seinen Anfang nahm und seine Auferstehung in ein neues Leben in Gottes Reich am Horizont stand.

Über Jesu Kreuz hatte Pontius Pilatus ja ein Schild mit der Aufschrift „König der Juden“ anbringen lassen. Jesus – ein König, ja, aber sein Reich ist nicht von dieser Welt. Sein Reich liegt dahinter. Und dieses „dahinter“ ist uns Menschen verheißen. Zum Erleben des Karfreitags gehört für mich darum der Gedanke an Ostern immer schon mit dazu. Wir leben nach Ostern, das heißt, wir wissen auch schon, was am Horizont steht: Auferstehung und Leben bei Gott.

Das soll uns jedoch nicht vertrösten oder stumm machen, wenn Menschen leiden müssen in dieser Welt, im Gegenteil. In der Auferstehung Jesu scheint die neue Welt Gottes schon in dieses Leben hinein und wird uns zur Aufgabe. Dieses Leben ist ein Geschenk Gottes an uns und an alle Menschen und gemäß dem Vorbild Jesu sollen wir Gutes tun und einander helfen, so weit es uns möglich ist.

So verstanden es damals auch die Jünger, als sie erlebten, wie Jesus den Tod überwunden hatte. Sie schöpften neue Kraft, gingen in die Welt hinaus und erzählten den Menschen von Jesus und von Gottes Liebe, von der uns, wie der Apostel Paulus sagte, nichts und niemand trennen kann.

Ihre Pfarrerin
Almut Gallmeier